Betrug und Wirtschaftsstrafsachen

Angeklagter im Wahn: „Ich habe den Schuss nicht gehört.“

 

Kurzer Mordprozess vor dem Landgericht Osnabrück: Einweisung in die Psychiatrie

Osnabrück (kno) – Vor zahlreichen Zuschauern aus Emlichheim fand vor dem Landgericht Osnabrück ein ungewöhnlich kurzer Mordprozess statt. In einem sogenannten Sicherungsverfahren musste die 6. Große Strafkammer darüber entscheiden, ob ein 61-jähriger Tankstellenpächter aus der Kleinstadt an der niederländischen Grenze am Morgen des 22. Mai 2011 seinen 64-jährigen Nachbarn im Zustand der Schuldunfähigkeit erschossen hat.


Der Angeklagte räumte die Tat ein und erklärte, wie es dazu gekommen sei. Seit 1986 sei er von seinem Nachbarn, einem ehemaligen Mitarbeiter der Volksbank drangsaliert worden, weil er einen Versicherung bei einem anderen Anbieter abgeschlossen hätte. In der Folge habe dieser und die Volksbank versucht ihn „fertig zu machen“. Seine Tankstelle sei von Mitarbeitern der VB gemieden worden, er sei nicht mehr zu gesellschaftlichen Ereignissen und Jagden eingeladen worden und zwei Fahrradunfälle gingen seiner Meinung nach auch auf das Konto der Volksbank. Sogar für den Ausfall eines Bootsmotors sei das Bankinstitut verantwortlich gewesen. Er könne 100 Zeugen benennen, die das alles bestätigen würden. Kurz vor der Tat sei der Leiter der Volksbank bei ihm erschienen, um sein Auto waschen zu lassen und habe gesagt: „Du kannst dich aber schlecht bewegen.“ Da habe er, so der Angeklagte gewusst: „Jetzt haben sie dich bald soweit.“ Am Morgen des Tattages sei der Druck unerträglich geworden. Seine Aushilfskraft habe am Vortag die Regale nicht aufgefüllt, Belege nicht quittiert und die volle Beleuchtung angelassen. Er habe gewusst, dass die Aushilfe von der Volksbank beauftragt worden sei. Als sie dann nicht zum Dienst erschien, habe er sich entschlossen etwas zu unternehmen. Er sei nach Hause gefahren, habe seine Pistole aus dem Waffenschrank geholt und durchgeladen. Dann sei er zum Nachbarn rüber gegangen, um „ihm zu sagen, dass es so nicht weitergeht“. Als dieser dann erschien, habe sich wohl ein Schuss gelöst. Der Vorsitzende fragte ihn: „Haben Sie gemerkt, dass Sie geschossen und getroffen haben.“ Der Angeklagte antwortete: „Ich habe den Schuss nicht gehört.“

Das tragische Geschehen hatte sich schon, dass wurde durch Zeugenaussagen deutlich, seit 2007 angedeutet. „Es war Dorfgespräch,“ berichtete der Leiter der Volksbank. In einer Gaststätte sei das spätere Opfer vom Angeklagten bedroht worden: „Du erlebst die Rente nicht mehr.“ Von „Erschießen“ sei die Rede gewesen. Er habe den Angestellten gedrängt eine Anzeige zu erstatten, doch der wollte eine Eskalation vermeiden. Daraufhin habe er, so der Zeuge, mit dem Hausarzt gesprochen. Aus den Aufzeichnungen der Praxis ergibt sich eine kurze Notiz „..andere haben immer Schuld,... Paranoia...“ und die Verordnung eines Mittels gegen Schizophrenie. Der Angeklagte blieb aber im Besitz seiner 4 Jagdwaffen, einer Pistole und der dazu gehörigen Erlaubnis. Der psychiatrische Gutachter Dr. Dirk Balgenort attestierte dem Angeklagten einen „an- und abschwellenden Verfolgungswahn, der von ihm als „existenziell bedrohlich“ wahrgenommen werde. Das „unerschütterliche Wahnsystem“ sei immer noch vorhanden, sodass weitere schwere Straftaten zu erwarten seien. Eine Therapie sei möglich, dauere aber „sehr lange“. Nachdem die Staatsanwältin wegen eines heimtückischen Mordes eine dauerhafte Einweisung in eine psychiatrische Klinik beantragt hat, sprach einer der 3 Nebenklagevertreter. Er verwies auf die „unerträgliche Wohnsituation seiner Mandanten gegenüber von der Familie des Täters und fragte „ob man da nicht was ändern könne?“ Mit dieser Forderung stieß er nicht nur bei dem Verteidiger auf Unverständnis. Nach einer kurzen Beratung verkündete das Gericht dann den erwarteten Einweisungsbeschluss in die Psychiatrie. „Hätte früher etwas getan werden müssen?“ fragte der Vorsitzende und gab die Antwort: „Es war Dorfgespräch. Aber wer geht hin und zieht die Konsequenzen?“


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